sind Florian Schirmacher aus Hamburg und Engin Seyrl aus Berlin.

     

Here Today
von Ruben Donsbach

Wahlverwandtschaft bedeutet die „Triebkraft einer chemischen Reaktion, eine Bindung
einzugehen“. Diese Triebkraft ist für Engin Seyrl und Florian Schirmacher die langjährige
gemeinsame musikalische Sozialisation durch Jazz, Dub, African Music und Rhythm
and Sound gewesen. 2006 verbinden sie sich aus Freundschaft zum Duo Here Today.
Zusammen soll das gemeinsame Wissen um die Musik mit Leidenschaft in eine Form
übersetzt werden, die zwar hier und jetzt passiert, sich aber nicht der Diktatur der Zeitgenossenschaft
unterwirft.
Die Bindung hält. Here Today arbeiten mittlerweile im 6. Jahr zusammen.
„Unsere Musik passiert elektronisch“ so Engin Seyrl, doch Here Today ist eher als Band
zu verstehen, in der die Rollen nicht klar vergeben sind: „Wir sind Musiker die sich
das Produzieren beigebracht haben“ so Seyrl, „nicht Produzenten die sich Instrumente
angeeignet haben“.
Auf der akribischen Suche nach neuen Tönen werden Gitarren auseinander und wieder
zusammen gebaut und der Klang dabei eingefangen. Zum Einsatz kommen analoge
Instrumente aus dem Jazz und Soul, wie das Rhodes Stage Piano. Aus der Physis, nicht
alleine aus den Windungen des Rechners, kommt diese Musik. Auf der beständigen
Suche nach neuen (Spiel-)Räumen und Klangfarben ist hier alles im Fluss.
Am Beginn dieses Prozesses steht eine musikalische Idee, ein Material, welches Stück
für Stück so lange zur (musikalischen) Skulptur abgetragen wird, bis aus reinem Klang
Form entsteht. So werden – mal dancefloor-tauglich, mal sinnlich-entrückt – Genre-
Grenzen des House Richtung Soul, Pop und Jazz erweitert, bis eine filigrane und flüchtige Musik entsteht, die nicht mehr klar zu benennen ist. Eine Musik, deren „deepness“nicht nur in den Bässen sondern auch in den von ihr geweckten Gefühlen steckt.
Die Musik von Here Today entwickelt sich in organischen Tracks. Rhythmen schieben
sich ineinander. Klänge mäandern im Raum und verdichten sich zu Melodien. In den
unteren Lagen gerät immer wieder das Fundament ins Wanken, es knarzt und quietscht
und stabilisiert sich wieder. Schließlich, ohne es gemerkt zu haben, wird man von einer
sich vorwärts drängenden Musik mitgerissen, die auf wundersame Art komplex und
einfach, mit dem Verstand wie mit den Sinnen zu erfahren ist. Eine echte Wahlverwandtschaft eben.

Atmosphäre – Musik frisch zubereitet

Es ist ein Glück, seit dem Anfang der Liturgischen Performances der Pfingstnächte die beiden Musiker in der Formation von „Here Today“ dabei zu haben. Es ist deshalb ein Glück, weil sich hier zwei Musiker aus eigener und wachsender Lust mit ihren musikalischen Möglichkeiten, mit ihren Instrumenten und ihren digitalen Werkzeugen in den Entwicklungsprozess und die „Aufführung“ eintragen. Sie sammeln und entwickeln musikalische Zutaten, wie etwa zum Thema 2010 „Durchzug“. Sie probieren aus und spielen, verfeinern und verwerfen. So entsteht im Vorfeld einer Pfingstnacht musikalischer Stoff – ein Teil der Zutaten. Erst jetzt in der Pfingstwerkstatt geraten die Ideen aneinander: die musikalischen mit denen der Architekten, mit den Ideen für die Performances, mit den Ideen zur Beteiligung der Besucherinnen und Besucher, mit den Facetten der Pfingstgeschichte.
Die beiden Musiker sind am Gesamten einer Pfingstnacht vielfältig beteiligt, denn sie komponieren ihre Zutaten in die Gestaltung der Performances und begleiten die Menschen auf ihren Wegen in diese Nacht, sie spielen mit dem Kirchenraum und seinen Veränderungen. Die Musik gliedert die Nacht und jede Performance, die Musik trägt mit, wenn die Pfingstgeschichte in die Kirche gesprochen wird und spendet Energie mit Rhythmus, Dynamik, auch mit Lautstärke, wenn Bewegung der Menschen gebraucht wird oder wenn deren Bewegung sich Raum nimmt. Die Musik provoziert auch die Stille.
Angesichts der jährlich neuen Raumsituation platzieren die Musiker ihr Labor immer an einem neuen Ort in der Kirche. Im Jahr 2010 positionierten sie sich schräg vor der den Kirchenraum teilende weiße Plane, vor dem Durchgang, der aus dem einen Teil der Kirche in den Altarraum führte. Der Standort war zentral, eine Sichtverbindung zum Altar gab es nicht, zumindest solange die Plane den Kirchenraum teilte. Aber die Töne und die Rhythmen müssen sich ja um die Sichtverbindung nicht sorgen, sie finden in jedem Fall in die entlegensten Winkel der Kirche.

Die Musik ist ein konstitutiver Bestandteil dieser Form der Pfingstnächte. Sie unterstützt dabei die Themen herauszuspielen und herauszubilden, sie gliedert, erregt, bewegt und gestaltet, sie füllt den Raum und in all dem ist die Musik an der PfingstnachtATMOSPHÄRE in dieser Kirche wesentlich beteiligt. Wenn es gelingt – und die werkstattartigte Arbeitsweise trägt auch das Risiko des Nichtgelingens in sich – dann entsteht aus allem, was als Zutaten aus dem Vorfeld, aus der Pfingstwerkstatt und aus den Momenten des Entstehens dazu beiträgt, frisch zubereitete Musik. Musik, die es vermag, mich anzurühren, mich zu bewegen, mich nachdenklich oder wild werden zu lassen. Musik, die mich weckt oder ins träumen lockt, Musik, die Stimmungen heraufziehen lässt, Musik, die mich stimmt. Musik, die mir etwas sagt oder Gesagtes verstärkt. Musik, deren Atmosphäre sich mit anderen Atmosphären mischt, mit der des Lichts, mit der des Raumes und der Dinge, mit der Atmosphäre oder der Stimmung, die die Menschen ausstrahlen.
Und frisch zubereitete Musik bedeutet immer, dass Menschen im Moment an der Zubereitung beteiligt sind und so alles nochmals feinfühlig abschmecken können.

Deshalb ist es ein Glück, dass die Atmosphäre und das Spiel in den Pfingstnächten unter anderem aus frisch zubereiteter Musik und durch vergnügte und konzentrierte Musiker entsteht.

Robby Höschele

 

Releases:

Modernist (12“)
Philpot, 2007

 

Comrades (12“)
33rpm Records, 2009

Love in us all (digital)
Koax Records, 2009

Qualify  Satisfy 12

Qualify & Satisfy (12“)
Suol, 2010

 

Appearances:

Good News (12“)
Buzzin‘ Fly – 5 Golden
Years In The Wilderness
EP 1, 2008

 

Here Today Appearances

Good News (3-CD Box)
Buzzin‘ Fly – 5 Golden
Years In The Wilderness
EP 1, 2008

 

volmeter

Modernme (digital)
14 Tracks Of Narcotic
House, Boomkat, 2008

 

51ZoUAfRnlL._SL500_AA280_

Satisfy (Mujava‘s Tantric
Mix) (digital)
Sound Of Berlin 8
Ministry of Sound, 2010

 

 

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    2012_1_Foto: Carin M.Schirmacher 2012_Foto: Carin M.Schirmacher 2006_2

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    helle Menschen